Wissen
Das Vokabular der
Zulieferqualifizierung.
Wer Zulieferer der Verteidigungs-, Rüstungs- und Luftfahrtindustrie werden will, trifft auf ein dichtes Geflecht aus Normen, Exportrecht und Geheimschutz. Hier die wichtigsten Begriffe — kompakt und belegbar erklärt.
Qualität & Zertifizierung
Die Normen, die über Lieferfähigkeit entscheiden.
- EN/ISO 9001
- Internationaler Standard für Qualitätsmanagementsysteme. Basis-Voraussetzung — in der Luft- und Raumfahrt das Fundament, auf dem die branchenspezifische EN 9100 aufsetzt.
- EN 9100 / AS 9100
- Qualitätsmanagementnorm für Luft-, Raumfahrt und Verteidigung. Identisches Dokument, regional benannt: EN 9100 (Europa), AS 9100 (Nordamerika), JISQ 9100 (Asien). Faktische Eintrittskarte zur Belieferung von OEMs und Primes.
- EN 9110 / EN 9120
- Schwesternormen der EN 9100: EN 9110 für Instandhaltungsbetriebe (MRO), EN 9120 für Händler und Lagerhalter (Distribution).
- NADCAP
- National Aerospace and Defense Contractors Accreditation Program — branchenweite Akkreditierung für Spezialprozesse wie Wärmebehandlung, Schweißen, Oberflächenbehandlung und zerstörungsfreie Prüfung (NDT).
- NATO AQAP
- Allied Quality Assurance Publications (u. a. AQAP 2110/2210): Qualitätssicherungsanforderungen der NATO für Lieferungen an Verteidigungsstellen, ergänzend zur EN 9100.
- OASIS (IAQG)
- Online Aerospace Supplier Information System der International Aerospace Quality Group — die zentrale Datenbank zertifizierter Lieferanten. Der Eintrag ist Voraussetzung, um Kunden weltweit zu beliefern.
- Erstmusterprüfung (FAI / EN 9102)
- First Article Inspection: dokumentierter Nachweis, dass ein erstes Serienteil alle Konstruktions- und Spezifikationsanforderungen erfüllt — Pflicht vor Serienfreigabe.
- APQP / PPAP
- Advanced Product Quality Planning und Production Part Approval Process: strukturierte Qualitätsvorausplanung und Bemusterung zur abgesicherten Serieneinführung.
Exportkontrolle & Geheimschutz
Die regulatorischen Hürden, an denen der Marktzugang scheitert — oder gelingt.
- Dual-Use
- Güter und Technologien mit sowohl ziviler als auch militärischer Verwendung. Sie unterliegen besonderen exportkontrollrechtlichen Anforderungen.
- AWG / AWV
- Außenwirtschaftsgesetz und Außenwirtschaftsverordnung — die nationale Rechtsgrundlage der deutschen Exportkontrolle.
- EU-Dual-Use-VO (2021/821)
- EU-Verordnung, die Ausfuhr, Vermittlung und Durchfuhr von Dual-Use-Gütern unionsweit regelt.
- BAFA
- Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle — die deutsche Genehmigungsbehörde für Ausfuhren und Exportkontrolle.
- VS-NfD / Geheimschutz
- Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch: niedrigste Geheimhaltungsstufe. Der Umgang erfordert Geheimschutzbetreuung und Sicherheitsüberprüfung nach SÜG.
- ITAR / EAR
- US-Exportkontrollregime (International Traffic in Arms Regulations / Export Administration Regulations). Relevant, sobald US-Komponenten oder -Technologie in der Lieferkette stecken.
Markt & Prozess
Begriffe, die den Weg in die Lieferkette beschreiben.
- OEM / Prime
- Original Equipment Manufacturer bzw. Generalauftragnehmer (Prime Contractor) — die Systemhersteller an der Spitze der Lieferkette, deren Anforderungen die Qualifizierung bestimmen.
- Lieferantenqualifizierung
- Strukturierter Nachweis von Eignung, Qualität und Compliance, mit dem ein Unternehmen als freigegebener Zulieferer in die Lieferkette aufgenommen wird.
- Industrialisierung
- Überführung von Prozessen und Produkten in reproduzierbare, auditfähige Serien- und Wehrtechnik-Reife.
- Zeitenwende
- Sicherheitspolitische Neuausrichtung seit 2022 mit deutlich steigenden Verteidigungsbudgets — Treiber der Nachfrage nach qualifizierten Mittelstands-Zulieferern.
- BDSV
- Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie — Branchenverband; ein Großteil der Mitglieder sind mittelständische Unternehmen.
Häufige Fragen zu Normen & Regulatorik
Was ist der Unterschied zwischen EN 9100 und AS 9100?
Keiner inhaltlich — es ist dasselbe Normdokument, nur regional benannt: EN 9100 in Europa, AS 9100 in Nordamerika, JISQ 9100 in Asien. Es definiert das Qualitätsmanagement für Luft-, Raumfahrt und Verteidigung und setzt auf der EN/ISO 9001 auf.
Welche Zertifizierung brauche ich als Zulieferer der Verteidigungsindustrie?
Basis ist meist EN/ISO 9001; für Luft- und Raumfahrt zusätzlich EN 9100, je nach Prozess NADCAP und für NATO-Lieferungen NATO-AQAP. Hinzu kommen Exportkontrolle (AWG/AWV, EU-Dual-Use-VO, BAFA) und ggf. Geheimschutz (VS-NfD). Welche Kombination nötig ist, hängt von Produkt und Abnehmer ab.
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